Sinje Dillenkofer2019-03-29T12:46:47+00:00
Sinje Dillenkofer, Case 11, 2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Sinje Dillenkofer

*1959 in Neustadt an der Weinstraße

1987 Diplom Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
2000-04 Vertretungsprofessur Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
1992 Cité Internationale des Arts Paris
1995 Paul-Strecker-Preis, Preis für Malerei, Landesmuseum Mainz
1996 Baldreitstipendium der Stadt Baden-Baden
1999 Casa Baldi, Olevano di Romana
2002 Artist-In-Residence Stipendium, Neue Galerie Graz
Universalmuseum Joanneum
2009 Artist-In-Residence Stipendium, ZF Kulturstiftung Friedrichshafen
1990 »Living in a Box«, Helen Drutt Gallery, New York, US
1991 Museum Schloss Salder, Salzgitter, DE
1992 »Sinje Dillenkofer«, Badischer Kunstverein Karlsruhe, DE
1993 »Vida en una Caja«, Galleria Handal, La Paz, BO
1996 »Photoobjekte und Installationen«, Kunstverein Heilbronn, DE
Landesmuseum Mainz, DE
1997 »INNOCENTIA I-XXV« Kunstverein Göttingen und Galerie O. Ahlers, Göttingen, DE
1998 Galeria Visor, Valencia, Spanien, ES
2000 »Sinje Dillenkofer«, Galerie KunstRaum, Trier, DE
2002 »Symbol und Abstraktion«, Galerie Eugen Lendl, Graz, Österreich, AT
2003 »Foto-Objekte«, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, DE
2006 »CASES«, Galerie J&P Fine Art, Zürich, Schweiz, CH
2009 »CASES«, Villa Oppenheim, Galerie für Gegenwartskunst Berlin, DE
2010 »Inversion«, Goethe Institut Nancy, FR
2011 »CASES«, Galerie Flo Peters, Hamburg, DE
2012 »INVERSIO«, Galerie Wenger, Zürich, CH
2013 »Schnittstelle«, Ostfriesisches Landesmuseum Emden, DE
2015 »Architekturen des Archivs«, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, AT
2017 »TRANSLOCALS«, Galerie Bildhalle, Zürich, DE
1989 Rafael Matos Galerie, Mexico City, MX
1991 Kunstverein Frankfurt, DE
1995 »Begreifungskräfte, Künstlerinnen heute«, Badischer Kunstverein Karlsruhe, DE
1996 »Le Masque et le Miroir«, Rencontres de la Photographie d’Arles, FR
1997 »Màscara i Mirall«, Museum für Moderne Kunst, MACBA, Barcelona, ES
1998 »Work & Culture«, Landesgalerie Oberösterreich, Landesmuseum Linz, AT
1999 »missing link.Menschen-Bilder in der Photographie«, Kunstmuseum Bern, CH
2000 »Der anagrammatische Körper«, ZKM Karlsruhe, DE
»Le Siécle du Corps«, Musée de l’Elysée Lausanne, FR / Culturgest, Lissabon, PO
2003 »Licht und Schatten. PHOTO-Kunst 1852–2002«, Staatsgalerie Stuttgart, DE
2005 »ENTOURAGE DE?«, Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, DE
»Artist In Residence 2000–04«, Neue Galerie des Landesmuseums Graz, AT
2008 »Tiere – Tierbilder«, Kunsthalle Göppingen Schloss Filseck, DE
2011 »Gaumenfreuden – Augenschmaus. Das Essen in der aktuellen Kunst«, Kallmann Museum Ismaning, DE
2014 »Kunst in Berlin 1945 bis heute«, Berlinische Galerie, Landesmuseum Berlin, DE
2015 »Beneath the surface«, Victoria & Albert Museum, Somerset House, London, GB
»ALLE«, 60 Jahre Künstlerbund Baden Württemberg, Städtische Galerie Karlsruhe, DE
2016 »Safarix«, Musée de la Chasse et de la Nature, Paris, FR
2017 »Contemporary Art in Times of Conflicts«, Casino Luxembourg, forum d’art contemporain, LU
2018 Victoria & Albert Museum, London, GB
2019 »Kubus. Sparda-Kunstpreis«, Kunstmuseum Stuttgart, DE
1992 »RESERVATE« (Verlag und Buchhandlung Lindemann)
1996 »Sinje Dillenkofer« (Kerber)
1997 »INNOCENTIA I–XXV« (Kunstverein Göppingen)
2000 »Photoobjekte« (Edition Kabinett 3 / Burkardt Leitner constructiv)
2006 »CASES« (Galerie J&P Fine Art, Zürich)
2010 »CASES 2009/10« (ZF Kunststiftung Friedrichshafen)
2015 »Architekturen des Archivs« (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck)
Portrait Sinje Dillenkofer - Kubus. Sparda Kunstpreis 2019

Speicherorte des Erinnerns und Verwahrens


Sinje Dillenkofer macht mit ihren Arbeiten, die Ein- und Auswirkungen des Menschen auf sein Umfeld und die daraus entstehenden Objekt- und Repräsentationsformen sichtbar. In der Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart werden die wechselseitigen formalen und inhaltlichen Beziehungen erkennbar und vielschichtige Bezüge eröffnet. Architektur, menschlicher Körper und Archivbehältnis treten als Speicherorte des Erinnerns und Verwahrens in Dialog, verweisen als Spuren- und Beweisträger auf Machtstrukturen und Abwesendes.

Kennzeichnend für die Aufnahmen sind ein Wechsel zwischen abstrakter und wirklichkeitsnaher Darstellung sowie ein oftmals malerischer und haptischer Eindruck. Einige der Fotografien sind Spurenträger. Sie verweisen auf etwas Abwesendes. In ihrer Referenz zur Realität und sinnlichen Wahrnehmung machen sie den Betrachter_innen ein Angebot. Sie laden gleichermaßen zur Wiedererkennung von Bekanntem wie zu einem Perspektivwechsel auf das zu Sehende und die damit angesprochenen Themenfelder ein.

Spurenträger

Die beiden Installationen »Placeholder« (64-teilig, 2019) und »Die Umkehrung« (38-teilig, 1994) thematisieren die Macht- und Geschlechterverteilung im kapitalistischen Wirtschaftssystem. »Placeholder« zeigt Aufnahmen von Stahlträger-Überresten der 2001 zerstörten Twin Towers des ehemaligen World Trade Centers in New York. Die Relikte am Boden des Ground Zero zwingen den Blick nach unten, statt wie vormals entlang der Architektur in die Höhe. Die Blickrichtung, die Sinje Dillenkofer mit ihren Fotografien der Stahlträger hervorhebt, steht für die Anfälligkeit des Systems, das in den Twin Towers Verkörperung fand. Die Stahlträger werden über die fotografische Abbildung zu quadratischen, zeichenhaften Liniengebilden, die als »Erinnerungsstücke« und »Platzhalter« auftreten.

Auch in der Installation »Die Umkehrung« ist das gewählte Symbol, die Fußsohle, assoziiert mit Verletzlichkeit, in diesem Fall bezogen auf die Gesellschaft, insbesondere auf die in ihr bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Aufnahmen der rechten Fußsohlen von 38 Mitarbeiter_innen der DZ-Bank-Personalabteilung wurden als Fotoobjekte umgesetzt und in der Installation nach dem Geschlecht getrennt gehängt. Die Größe und Tiefe der Objekte entsprechen der jeweiligen hierarchischen Position des Porträtierten innerhalb des Fachbereichs der Bank.

Sinje Dillenkofer, Placeholder, Ground Zero, 2017/2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Sinje Dillenkofer, Die Umkehrung, 1994, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Mensch und Natur

Einen zweiten Schwerpunkt bilden Betrachtungen zum Verständnis und dem Umgang seitens des Menschen mit Natur. Die Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian veröffentlichte 1705 ihre Ergebnisse der Erforschung der Metamorphose von Schmetterlingen. Einige ihrer Buchpublikationen wurden archiviert. In einem sehr seltenen Exemplar reagierten die Farben über die Jahrhunderte hinweg mit dem Papier, sodass sich Teile der Abbildungen auf der Rückseite durchschlugen und andere verschwanden. »By Nature« (2019) von Sinje Dillenkofer dokumentiert diese zufälligen Reaktionsprozesse. Für die Künstlerin spiegelt sich in Merians Kupferstichen eine spezifische Sicht auf die Natur. Sie sieht den natürlichen Reaktionsprozess als Synonym für ein verändertes Naturbild, welches sie in ihrer künstlerischen Umsetzung in einem neuen Kontext sichtbar macht.

Wandlung und Verformung

Vom Menschen absichtlich hervorgerufene genetische Wandlungen stehen im Mittelpunkt der Aufnahmen von Walliser Schwarzhalsziegen und dem sogenannten »Husumer Protestschwein«. Die Tiere wurden so gezüchtet, dass ihr Fell zweifarbig ist. Die Züchter streben dabei eine perfekte Linie, eine haarfeine Trennung zwischen den beiden Fellfarben an. Jede Unregelmäßigkeit und damit Individualität wird von ihnen als Fehler angesehen. Ihr Naturbild ist ein uniformes.

Von Verformungsprozessen handelt auch die Serie der »Disjunktionen paralleler Konstrukte« (2019). Sie führt die Gestaltungsfähigkeit und das sich wechselseitige in Beziehung setzen des Menschen zu seiner Umwelt vor. Jeweils zwei Arbeiten bilden in der Werkreihe ein Paar – eine nach historischer Tradition gefaltete Serviette und eine Figur, deren Körperhaltung die Gestalt der Serviette aufgreift. Die Serviettenfaltung gründet wiederum auf Analogien mit Alltagsgegenständen oder animalisch-organischen Formen. Es entspinnt sich ein Wechselspiel, indem die mit historischen Namen ausgestatteten Servietten subjekthafte Züge annehmen und der Mensch zum Objekt wird. Beide sind mit ihnen zugeschriebenen Bedeutungen aufgeladen.

Sammeln und Archivieren

Derart kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Zusammenhänge werden auch in den »Cases« (seit 2001) aufgerufen, in denen sich Sinje Dillenkofers künstlerische Position verdichtet. Die Fotografien legen Zeugnis von der europäischen Sammlungs- und Archivierungspraxis der letzten 500 Jahre ab. Damit geben sie auch Einblick in die herrschenden Wertvorstellungen. Dabei sind es nicht die Objekte selbst, sondern ihre historischen Behältnisse, die im Mittelpunkt stehen. Abdrücke und Architektur der Kästen regen zu Vermutungen darüber an, welche Gegenstände in ihnen gelegen haben mögen. Neben der Form ist es ihre Ästhetik, die Farben und Materialien, aber auch ihre Haptik, die Dillenkofer inszeniert und herausarbeitet. Die »Cases« werden an der Wand und damit aufgerichtet, statt wie im Original liegend präsentiert. Im Zusammenspiel mit verschiedenen Vergrößerungsstufen wirkt sich das auf die sinnlich-körperliche Wahrnehmung der Betrachter_innen aus.

Sinje Dillenkofer, Case I_22, 2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Sinje Dillenkofer, Case 82, 2010, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Sinje Dillenkofer, Case 67, 2001, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019