Armin Linke2019-03-29T11:58:35+00:00
Armin Linke, Iron Mountain Preservation Facility, Boyers (Pennsylvania) USA, 2018

Armin Linke

*1966 in Mailand

lebt und arbeitet in Berlin
u.a. Gastprofessur an der Università Iuav di Venezia,
Professur für künstlerische Fotografie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe

1994 »Camera di Sicurezza«, Galleria Guenzani and Galleria Carla Sozzani, Mailand, IT
1996 »Instant Book 1/2/3«, Deitch Projects New York, US
1998 »Sozialromantischer Ausblick«, Newsantandrea, Savona, IT
2001 »Muro temporaneo«, Studio Massimo De Carlo, Mailand, IT
2004 »An Uneven Exchange of Power«, Storefront for Art and Architecture, New York, US
Vitamin Creative Space, Guangzhou, CN
2005 »Prospectif Cinéma«, Centre Pompidou, Paris, FR
Galleria Luisa Strina, São Paulo, BR
2006 Galleria Massimo De Carlo, Mailand, IT
2008 »Immaginario Nucleare«, Museo della Calcografia, Rom, IT
2009 »Concrete and Samples«, Museum für Gegenwartkunst Siegen, DE
2010 »Armin Linke«, Heidelberger Kunstverein, DE
»Future Archaeologies«, Galerie Klosterfelde, Berlin, DE
2013 »Armin Linke/Alpi«, vai – Voralberger Architektur Institut, Dornbirn, AT
»Russian Spatiographies«, Triumph Gallery, Moskau, RU
2015 »The Appearance of That Which Cannot be Seen«, ZKM Karlsruhe, DE
2016 »raumbilderfolgen«, aut. architektur und tirol, Innsbruck, AT
2017 »The Appearance of That Which Cannot be Seen«, Centre de la photographie, Genf, CH
»OCEANS – Dialogues between Ocean Floor and Water Column«, Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Oldenburg, DE
2018 »Prospecting Ocean«, Istituto di Scienze Marine (CNR-ISMAR), Venedig, IT
2019 »Carceri d’invenzioni«, XXII. Triennale Milano, Mailand, IT
2001 Prospectif Cinéma, Centre Pompidou, Paris, FR
2003 »Geography and the Politics of Mobility«, Generali Foundation, Wien, AT
»Vacant Community«, Fondazione Adriano Olivetti, Rom, IT
2004 »Territories – The Frontiers of Utopia and Other Facts on the Ground«, Malmö Konsthall, SE
2005 »Herzog & de Meuron – An Exhibition«, Tate Gallery, London, UK
»Atmospheres of Democracy«, ZKM Karlsruhe, DE
2006 »The Maghreb Connection«, Townhouse Gallery Cairo, Kairo, EG
10. Mostra Internazionale di Architettura, Biennale di Venezia, Venedig, IT
2007 »Flashcube«, Leeum-Samsung Museum of Art Seoul, KR
2nd Moscow Biennale of Contemporary Art, Museum of Modern Art at Petrovka, Moskau, RU
»Spectacular City«, NRW-Forum, Düsseldorf, DE
2008 28th Bienal de São Paulo, BR
»The Map: Navigating the Present«, Bildmuseet Umeå, SE
2009 »The Map is not the Territory«, Esbjerg Kunstmuseum, DK
2010 »La Revanche de L’archive Photographique, Centre de la Photographie, Genf, CH
»China Purple«, Tate Modern, Turbine Hall Bridge, London, UK
»Global Design«, Museum für Gestaltung Zürich, CH
2012 Taipei Biennial 2012, The Museum of Crossings, Taipei, TW
»The City that doesn’t exist«, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, DE
2013 »Future Perfect«, Frankfurter Kunstverein, DE
»Agency. Armin Linke and Anselm Franke«, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, DE
»Concrete – Fotografie und Architektur«, Fotomuseum Winterthur, CH
2014 »Future Perfect«, Kaliningrad State Art Gallery, Kaliningrad, RU
»Alvar Aalto – Second Nature«, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, DE
»Paparazzi! Photographers, stars and artists«, Centre Pompidou Metz, FR
2015 »Fire and Forget. On Violence«, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, DE
2016 Manifesta 11, Zürich, CH
»Places of Production – Aluminium« (in collaboration with Giulia Bruno),
15th Architecture Biennale, Venedig, IT
2017 »Architecture in Contemporary Art«, Museum of Fine Arts, Split, HR
»How To Live Together«, Kunsthalle Wien, AT
2018 »The New Alphabet– Opening Days«, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, DE
»Exploring the Arctic Ocean«, Visual Art Center – University of Texas at Austin, US
2019 »Kubus. Sparda-Kunstpreis«, Kunstmuseum Stuttgart, DE
2007 »Nuclear Voyage« (mit Tommasio Pincio, Pocko Editions)
2010 »Il corpo dello stato« (JRP Ringier)
2012 Kirche und Reich (mit Giorgio Agamben, Merve Verlag)
2013 »Armin Linke – Russian Spatiographies« (Triumphoto, Moscow)
»Narciso nelle colonie – Un altro viaggio in Etiopia« (Edizioni Quodlibet)
2016 »L’apparenza di ciò che non si vede« (Silvana Editoriale)
2017 »The Appearance of That Which Cannot Be Seen« (Spector Books)
2018 »Phenotypes/Limited forms« (Lars Müller Publishers)
Portrait Sinje Dillenkofer - Kubus. Sparda Kunstpreis 2019

Ausweitung des Dokumentarischen


Armin Linke reist als Fotograf durch die ganze Welt. Seine Arbeit führte ihn bislang nach Indonesien, wo er am Kawah Ijen Vulkan in Biau, Jawa Timur, die Arbeiter beim Abbau von Schwefel beobachtete. Er dokumentierte den gewaltigen Staudamm Three Gorges in Yichang (Hupeh), China. Er schuf Bilder von den Rodungen des Regenwaldes in Indonesien. Er hielt die 1998 weltweit größte Skibahn in Tokio, Japan, fest und reiste nach Spanien, um das Treibhaus einer Intensivlandwirtschaft zu fotografieren, in der keine einzige Pflanze unter den Abdeckungen und Apparaturen zu erkennen ist. Diese Farbaufnahmen beeindrucken durch ihre Brillanz, die Bildschärfe und die Komposition.

Armin Linke, Greenhouse, El Ejido Spain, 2013
Armin Linke, Ski Dome, Tokyo Japan, 1998

Ästhetische Wirkung und gesellschaftspolitische Geschichte

Linke wählte zu Beginn häufig Panoramaformate. Seine Motive nahm er oft von einem erhöhten Standort auf. Die Fotografien beeindrucken durch die schiere Größe der unendlich scheinenden Objekte. Im 18.Jahrhundert hatte man für eine solche überwältigende ästhetische Naturerfahrung den Begriff der Erhabenheit geprägt.

Als Linke 2003 eine Auswahl von 200 Fotografien aus seinem damals schon beträchtlichen Archiv für seine Publikation »Transient« auswählte, ordnete er sie ohne weitere Informationen nach ihrem ästhetischen Wert an. Aber schon aus der ersten Anschauung der publizierten Bilder wird deutlich, dass sie über die ästhetische Wirkung hinaus eine komplexe gesellschaftspolitische Geschichte bergen. Sie machen deutlich, wie umfassend der Mensch weltweit in die Natur eingreift und sie mit massiven Auswirkungen auf ökologische und ökonomische Verhältnisse verändert. Linkes Aufnahmen lassen diese Umwälzungen beispielhaft in Bildern sichtbar werden, deren Hyperrealität manchmal an einer bloßen Dokumentation zweifeln lassen. Tatsächlich verzichtet aber der Künstler auf die digitale Manipulation, anders als zum Beispiel Andreas Gursky, der bewusst die digitale Technik zur Bildgestaltung nutzt. Linke hingegen bleibt Dokumentarist.

Armin Linke, Kawah Ijen Volcano, Biau (Jawa Timur) Indonesia, 2016

Von der Oberfläche unbeeindruckt das Verborgene entdecken

Da er seine Arbeit in den 1990er-Jahren begonnen hat, kann von einem Langzeitarchiv gesprochen werden, das manche tieferliegende Erkenntnis erst retrospektiv vermittelt. In einem Interview mit Max Dax formuliert der Künstler 2017 den für ihn sich daraus ergebenden Anspruch:

»Ich will Bilder, die zugleich dokumentieren, dass sie Teil einer größeren Narration sind. Forensisch werden sie erst im Nachhinein, wenn jemand sich die Mühe macht, sie nicht nur losgelöst voneinander zu betrachten, sondern sie in einen größeren Kontext setzt. Meine Bilder hätten dann die Rolle von Indizien, die erst in der richtigen Zusammenstellung eine konkrete Aussage treffen.«

Es sind häufig Aufträge, die ihn in die entlegensten Winkel führen. Für die TBA 21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary) dokumentierte er 2017 z. B. die Ausbeutung der Ressourcen in der Tiefsee. Da nur entsprechendes Fachwissen das Gesehene richtig deuten lässt, sucht sich Linke vor Ort Begleiter, deren Kenntnisse und Erfahrungen ihn wie Vergil durch Dantes Unterwelt begleiten. Er wählt diesen Vergleich in demselben Interview, um die Bedeutung des Insiderwissens zu betonen, welches notwendig sei, um von der Oberfläche unbeeindruckt das dahinter Verborgene entdecken zu können. Dabei kann es sein, dass ihn die Projekte zu bereits bestehenden Bildarchiven führen. Im Fall des Tiefseebergbaus in internationalen Gewässern, der von der International Seabed Authority Organisation (ISA) der Vereinten Nationen aus Jamaica geregelt werden soll, waren es Videoaufzeichnungen von Unterwasserdrohnen, die er mit Hilfe von Experten auswertete. Gemeinsam mit den Geisteswissenschaftlerinnen Doreen Mende und Estelle Blaschke untersuchte er 2013 ein Industriearchiv der ehemaligen DDR daraufhin, in welcher Form Designgeschichte, Ökonomie und staatliche Diplomatie zusammenwirkten. Sie erschlossen die Fotodokumente mit Hilfe von Zeitzeugeninterviews.

Armin Linke, Peter Hanappe, ZKM, Phenotypes / Limited Forms, Karlsruhe Germany, 2007

»Utopia Station«
Das Publikum als Kurator

Zu diesem Zeitpunkt war aus seiner eigenen zwanzigjährigen fotodokumentarischen Arbeit ein Archiv von 500.000 Aufnahmen erwachsen – eine Fülle, die paradoxerweise zu einer schrumpfenden Rezeption der Aufnahmen führt, weil sie sich einer einzelnen Person entzieht. Um das Archiv dagegen wieder zu aktivieren und Bilder heben zu lassen, die aus seiner Auswahl herausgefallen wären, unterzog Linke es einem langjährigen Experiment. Es startete mit der Utopia Station auf der Biennale in Venedig 2003 und wurde danach im Internet fortgesetzt. Die Besucher_innen hatten die Möglichkeit, aus 6.000 Aufnahmen des Archivs acht auszuwählen und sich als Buch auszudrucken. Die Digitalisate seiner analogen Fotografien wurden auf diese Weise wieder in ein greifbares Objekt zurückgeführt.

Neben der dahinterstehenden Idee, die künstlerisch-kuratorische Entscheidung an die Besucher-innen zu delegieren, erhielt das Projekt als Langzeituntersuchung eine weitere besondere Qualität. Denn jede Person hatte mit ihrer Auswahl einen Fußabdruck hinterlassen, der in der Zusammenschau mit den anderen rund 10.000 Teilnehmer_innen Auskunft über die Kriterien gab, die ihrer Auswahl jeweils zu Grunde lagen.

Das Experiment war zu einer idealen Grundlage für das Forschungsprojekt TAGora geworden, das analysieren sollte, wie sich im Internet Gruppen bilden, die durch »tags«, also mit Hilfe von Kennzeichnungen oder Schlüsselwörtern, zum Beispiel bei Flickr sichtbar werden.

Der Wissenschaftler Peter Hanappe kollaborierte mit Armin Linke bei der Untersuchung der Auswahlkriterien. Die Ergebnisse gingen 2018 in die Abschlusspublikation »Phenotypes/Limited Formes« ein, die auch die gleichnamige Ausstellungsreihe dokumentierte. Wahrscheinlich waren alle Beteiligten von der Individualität und Einmaligkeit ihrer Auswahl überzeugt. Hingegen legte die Computerauswertung nicht nur offen, wie häufig bzw. selten einzelne Motive gewählt worden waren, sie zeigte auch, welche Muster ihre Zusammenstellung bargen, die sie mit anderen Teilnehmer_innen gemeinsam hatten. Die Sequenz- und Titelwahrscheinlichkeit, Farbähnlichkeit und Bildgruppen waren solche Kategorien, die der Analyse des Wahlverhaltens dienten. Von solchen unbewusst gewählten Kriterien einzelner Personen lassen sich Wahrscheinlichkeiten errechnen, die künftige Entscheidungen von Gruppen vorhersagbar machen – ein Kalkulationsmodell, das nach dem russischen Mathematiker A. A. Markov benannt wurde und das Grundlage für die Auswertung des Nutzerverhaltens im Internet ist, mit allen ökonomischen und politischen Implikationen, die derzeit im Kontext von Sozialen Medien diskutiert werden.

Armin Linke, Installation »The Appearance of That Which Cannot be Seen«, ZKM, Karlsruhe, 2015

Die Abhängigkeit der Interpretation vom Erkenntnisinteresse

In einem weiteren Projekt – »The Appearance of That Which Cannot Be Seen« von 2015/17 – nahm Linke den umgekehrten Weg. Wieder delegierte er die Auswahl aus seinem Archiv an andere Personen, nun an die Wissenschaftler_innen Ariella Azoulay, Bruno Latour, Peter Weibel, Mark Wigley und Jan Zalasiewicz. Dieses Mal ging es nicht darum, von Mustern ausgewählter Bildgruppen auf formale Auswahlkriterien zu schließen, sondern zu vermitteln, wie unterschiedlich Fotografien gelesen werden können, abhängig von den Denksystemen, die in der langjährigen wissenschaftlichen Arbeit durch das jeweilige Erkenntnisinteresse ausgebildet wurden. Die Aufnahme des Fußballstadions in Warschau, in dem 2013 die 19. UN-Klimakonferenz stattfand, ist zum Beispiel für Jan Zalasiewicz, Bruno Latour und Ariella Azoulay Anlass zu unterschiedlichen Überlegungen. + mehr anzeigen

Armin Linke, Iron Mountain Preservation Facility, Boyers (Pennsylvania) USA, 2018

Die dynamische Markierung
des Archivs

Linke hält weiterhin an seiner dokumentarischen Arbeit als Fotograf fest. Hinzu kommen Kollaborationen, die ihm Gelegenheit geben, die mediale oder institutionelle Rahmung im Internet oder in Archiven daraufhin zu befragen, auf welche Weise sie den Zugang zu Bildern gewähren oder verwehren. In Archiven sind es die Schlagworte, die Motive finden lassen, aber auch den Kontext regulieren, in dem sie auftauchen. Im Internet wiederum werden die Bilder nicht durch ein Wissenssystem, sondern durch die Nutzer_innen und ihre Suchanfragen geordnet. Damit ist die statische Markierung des Archivs einer dynamischen gewichen, da die Ergebnisse zu vergleichbaren Suchanfragen im Internet im Hintergrund mitlaufen.

»Image Capital« – Die Ausweitung des Dokumentarischen

Die Fotohistorikerin Blaschke hat sich mit diesem Phänomen in ihrem Forschungsprojekt zur 1936 von Otto Bettmann gegründeten Bildagentur beschäftigt, die 1995 in das Fotoarchiv und –distributionsunternehmen Corbis einging und seit 2016 zu einem Unternehmen der chinesischen Visual China Group gehört. Ihre wissenschaftliche Untersuchung bildet nun den Ausgangspunkt für ein neues Projekt, das Linke mit ihr unter dem Titel »Image Capital« begonnen hat. Es ist sicher, dass er in dieser Zusammenarbeit neue ikonische Fotografien schaffen wird, die die Komplexität der Auseinandersetzung visuell verdichten.

In diesem Sinne kann in Linkes Werk von einer Ausweitung des Dokumentarischen gesprochen werden, da es nicht mehr der bloßen Beschreibung der Welt dient, wie es vielleicht die selbstgewählte Aufgabe der klassischen Dokumentarfotografie einmal war. Vielmehr ist damit eine künstlerische Forschung verbunden, die Linke in dem Interview 2016 mit Illaria Speri so beschreibt:

»Für mich sind Ausstellungen, ein Buch, ein Film formal abgeschlossen, aber im Sinn eines Essays: das Experiment ist beendet, aber die Interpretation weiter offen. Sie erlauben es mir voranzuschreiten und andere Ausdrucksformen, Themen, Orte oder Interpretationen zu suchen.«

Armin Linke, Installation »L’apparenza di ciò che non si vede / The Appearance of that which cannot be seen«, PAC – Padiglione d'Arte Contemporanea di Milano, 2016
Armin Linke, Installation »L’apparenza di ciò che non si vede / The Appearance of that which cannot be seen«, PAC – Padiglione d'Arte Contemporanea di Milano, 2016
Armin Linke, Three Gorges Dam, construction of a lift for ships, Yichang (Hubei) China, 1998

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