Annette Kelm2019-03-29T11:34:46+00:00
Annette Kelm, Untitled (Rider), 2005

Annette Kelm

*1975 in Stuttgart

lebt und arbeitet in Berlin

2004 Artist Residency in Heanävesi Stipendium für bildende Kunst, Hamburg
2005 Art Cologne-Award for Young Art Stipendium durch die Stiftung Kunstfonds
2015 Camera Austria Award for Contemporary Photography
2003 »Als Kriechtier ist das Pferd edler als der Esel«, HfBK, Hamburg, DE
2004 »To a Snail«, Galerie Crone, Berlin, DE
2006 »Errors in English«, Art Cologne-Award for Young Art, Artothek, Köln, DE
2007 »Vier Jahreszeiten«, Johann König, Berlin, DE
2008 CCA Wattis Institute for Contemporary Art, San Francisco, US
Witte de With, Rotterdam, NL
2009 KW – Institute for Contemporary Art, Berlin, DE
Kunsthalle Zürich, CH
2011 »Hallo aber«, Bonner Kunstverein, DE
2012 Johann König, Berlin, DE
»Oranges & Stripes«, Marc Foxx, Los Angeles, US
2013 Taka Ishii Gallery, Kiyosumi, Tokio, JP
2014 »Staub«, Kölnischer Kunstverein, DE
2015 »Home Home Home«, Museum Haus Lange, Krefeld, DE
»Syncro«, Meyer Kainer Gallery, Wien, AT
2016 VOX. Center of Contemporary Image, Montreal, CA
»Pizza«, KÖNIG GALERIE, Berlin, DE
2017 »Leaves«, Kestnergesellschaft, Hannover, DE
2018 »Tomato Target«, Kunsthalle Wien, AT
Fosun Foundation Shanghai, CN
»Springs«, Gió Marconi, Mailand, IT
»Knots«, Andrew Kreps Gallery, New York, US
2001 »Planche, Säbelgefechte«, Klasse Cosima von Bonin, Hamburg, DE
2002 »andere räume«, Kunstverein Hamburg, DE
2003 »Zimmer aufräumen, Zupfgeigenhansl kommt!«, Künstlerhaus Stuttgart, DE
2005 »Jetzt und zehn Jahre davor«, KW – Institute of Contemporary Art, Berlin, DE
2006 »New Ghost Entertainment – Entitled«, Or Gallery, Vancouver, CA
2007 »Passengers«, CCA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco, US
»The History of a Decade That Has Not yet Been Named«, 9th Biennale d’Art Contem-porain, Lyon, FR
2008 »… auf der Erbse..on peas…«, Galerie der Stadt Sindelfingen, DE
2009 Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, Hamburger Bahnhof, Berlin, DE
2010 »How Soon is Now«, Garage Center for Contemporary Culture, Moskau, RU
2011 »Illuminations«, 54th International Art Exhibition of La Biennale di Venezia, Venedig, IT
2012 »State of the Art«, NRW-Forum, Düsseldorf, DE
»Malerei in Fotografie«, Städel Museum, Frankfurt am Main, DE
2013 »New Photography 2013«, MoMA, New York, US
»Futur II«, Frankfurter Kunstverein, DE
2015 »So ein Ding muß ich auch haben«, Lenbachhaus, München, DE
»Future Perfect. Contemporary Art from Germany«, Kaliningrad State Art Gallery, RU
»Déjà-vu in der Fotokunst«, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main, DE
2016    »Beton«, Kunsthalle Wien, AT
2016 »Beton«, Kunsthalle Wien, AT
»Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie«, Kunstmuseum Bonn, DE
2017 »Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist. Sammlung Klein«, Kunstmuseum Stuttgart, DE
»OPTICAL ILLUSIONS – Contemporary Still Life Photography«, C/O Berlin, DE
»Photography Out of Germany«, Thomas Erben Gallery, New York, US
2018 »Berlin-Sofia. A Shortcut – eine Abkürzung – пряк път«, Structura Gallery, Sofia, BG
»Soft Focus«, Dallas Museum of Art, US
»Stillleben in der Fotografie der Gegenwart«, Kunsthaus Wien, AT
»LICHTEMPFINDLICH 2«, SCHAUWERK Sindelfingen, DE
2019 Kubus. Sparda-Kunstpreis, Kunstmuseum Stuttgart, DE

Kunstmuseum Stuttgart (DE), Staatsgalerie Stuttgart (DE), Museum of Contemporary Art Chicago (US), Tate Modern (London, GB), Museum of Modern Art New York (US), Kunsthaus Zürich (CH), Centre Pompidou (Paris, FR), MOCA Grand Avenue (Los Angeles, US), Solomon R. Guggenheim Museum (New York, US), Lenbachhaus München (DE), Dallas Museum of Art (US), LWL Museum für Kunst und Kultur Münster (DE), Walker Art Center Minneapolis (US)

Portrait Sinje Dillenkofer - Kubus. Sparda Kunstpreis 2019

Aktualisierung klassischer Genres


Annette Kelm setzte in den vergangenen Jahren neue Akzente im Bereich der konzeptuellen Fotografie. Das ausschließlich fotografische Werk, in dem inszenierte Aufnahmen neben dokumentarischen Arbeiten stehen, zitiert die klassischen Genres der Gattung: Porträts, Stillleben, Landschafts- und Architekturfotografie. Die Motive verweisen auf Themen aus den Bereichen Design und Massenproduktion, Natur und Technik sowie auf kulturhistorische und sozioökonomische Entwicklungen. Die Objekte und Protagonisten in Annette Kelms Arbeiten können meist problemlos benannt werden. Ein eindeutiges Narrativ leitet sich daraus allerdings nicht ab. Isoliert aus ihren Ursprungskontexten und in neue Konstellationen überführt, setzen sie einen offenen Assoziationsprozess in Gang, in den künstlerische, historische und soziokulturelle Referenzen eingeschrieben sind. Diesen Zeichensystemen, d.h. dem Verhältnis von Objekten, ihren Bedeutungs- und Funktionszusammenhängen sowie deren Repräsentation spürt Annette Kelm in ihren Arbeiten nach.

Stillleben

Seit Ende der 1990er-Jahre ist ein umfangreiches Werk entstanden, in dem sich wiederkehrende Motive entdecken lassen, wie z.B. Pflanzen und vergängliche Naturmaterialien in Verbindung mit industriellen Massenprodukten und Designerstücken. Die inszenierten Objektaufnahmen können als moderne Interpretation traditioneller Vanitas-Darstellungen interpretiert werden.

Annette Kelm, Still Life with Spring, 2018

Technik und Natur: »Still Life with Spring«

Für »Still Life with Spring« (2018) arrangiert die Künstlerin eine Vase mit Pfingstrosen, ein rätselhaftes Objekt aus Holz und Stahl und eine Sprungfeder auf einem Klapphocker. Was zunächst wie zufällig versammelt wirkt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein stringent komponiertes Setting. Die roséfarbenen Blüten vor einem leuchtend blauen Grund konterkarieren das kühle Stahlgestänge. Die blauen Wandfelder aus farbigem Karton, die auf seltsame Weise in Schieflage geraten zu sein scheinen, korrespondieren mit dem Dekor der Vase. Das Wechselspiel von horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien ist sorgfältig austariert. Der Kameraausschnitt ist bewusst gewählt: Aus leichter Aufsicht rückt das Geschehen ein wenig aus der Mittelachse, oberer und unterer Bildrand sind beschnitten, was die räumliche Situation zusätzlich verunklärt. Die Verweigerung eines eindeutigen Narrativs spiegelt sich ebenso im Titel: Das Englische »Spring« verweist sowohl auf die metallene Sprungfeder als auch auf die opulenten Pfingstrosen, die üblicherweise im späten Frühling in voller Blüte stehen.

Annette Kelm, Pizza Pizza Pizza, 2016

Fotografie in Serie: »Pizza Pizza Pizza«

»Pizza Pizza Pizza« (2016) kombiniert ein industrielles Wegwerfprodukt mit einem Stück Natur: Ein Pizzakarton und eine Baumrinde werden in skulpturaler Anmutung inszeniert. Die vierteilige Anordnung der Arbeit verweist auf ein serielles Format, das Annette Kelm immer wieder aufgreift, u.a. in ihren Porträtreihen. Die Choreografie der Szene wird dabei mit geringen Variationen wiederholt. Für »Found Object (Balance)« (2016) etwa arrangiert sie das Holzmodel einer Waage in fünf unterschiedlichen Stellungen. Durch die Reihung der Fotografien in der Art eines Film-Stills werden Vorstellungen von Bewegung und Zeit berührt. Indem Annette Kelm bei » Pizza Pizza Pizza« vier identische Motive wählt, stellt sie nicht nur ihre eigene serielle Strategie zur Diskussion. Sie untergräbt die Erwartungshaltung der Betrachter_innen und fordert diese zu einer Reflexion ihrer Sehgewohnheiten auf.

Porträts

»American Portrait« (2007), »Judith, old Masters« (2014) oder die zweiteilige Arbeit »Light Double« (2018) stehen für die Werkgruppe der Porträts, die meist Freunde und Künstlerkolleg_innen von Annette Kelm abbilden. Sie zitiert hier die klassische Situation einer professionellen Studioaufnahme.

Im Hintergrund

Die Modelle posieren vor einer sogenannten Hohlkehle – einer Stoff- oder Papierbahn, die provisorisch montiert den Hintergrund markiert. Judith nimmt ihre Position vor einer Stoffbahn ein, die mit stilisierten, berühmten Porträts und Stillleben der Kunstgeschichte bedruckt ist. In der Arbeit sind verschiedene Bedeutungsebenen angelegt, die auf den Porträtierten, die Geschichte des Porträts, die Künstlerpersönlichkeit und den Akt des Porträtierens verweisen.

Posieren im Künstleratelier

Annette Kelms Interesse an gemusterten und bedruckten Stoffen, das sich immer wieder in Serien wie »Big Prints« (2007) oder »Untitled« (2013) ausdrückt, kommt auch in »Light Double« zum Tragen. Die Modelle der beiden Fotos posieren in identischer Weise und Bekleidung auf einer Leiter vor einer Stellwand, die mit einem blau-weiß gestreiften Stoff bespannt ist. Zwei Zielscheiben aus dem Bogen- und Dartsport ergänzen die Kulisse und greifen gleichzeitig das Motiv der Doppelung auf. Leiter und Zielscheiben gehören zur Gruppe der immer wiederkehrenden Requisiten in Kelms Arbeiten und sind als Anspielung auf das Künstleratelier sowie die professionelle Studiofotografie zu verstehen. Dort werden mithilfe des ›Lichtdoubles‹ unterschiedliche Einstellungen und Szenarien geprobt, bevor sich der eigentliche Darsteller final in Szene setzt. Aber wer ist hier das Double? Oder handelt es sich vielleicht um ein Doppel?

Annette Kelm, Judith, old Masters, 2014
Annette Kelm, Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau, Berlin, 2018

Dokumentarische Fotografie

Neben den inszenierten Studioaufnahmen entstehen auch dokumentarische Arbeiten, denen häufig längere Recherchen der Künstlerin vorausgehen.

»Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau, Berlin«

Zu den dokumentarischen Arbeiten in Annette Kelms Werk zählt u.a. eine Aufnahme des Umlauftanks UT2, der von der Technischen Universität Berlin als Schiffsversuchsanstalt genutzt wird.»Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau, Berlin« (2018) zeigt das Gebäude, das zwischen Architektur, Industriebau, Maschine und wissenschaftlichem Gerät oszilliert, aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Der Blick auf die Rückseite des Baus wird durch eine Reihe Bäume verstellt, die einen Kontrast zur Architektur bilden. Die so vorgefundene, natürliche Tiefenstaffelung erinnert an das räumliche Prinzip des Dioramas.

Zu Gast beim Stifterpaar Ludwig

Auf Einladung der Stiftung-Ludwig fotografierte Annette Kelm 2017 im ehemaligen Wohnhaus des Stifterpaares. »Ludwig-Stiftung Aachen, Basement« (2018) hält eine Situation fest, die die Künstlerin so im Keller des Hauses vorgefunden hat. Neben zahlreichen, willkürlich gestapelten Kunst- und Alltagsgegenständen wurden Porträtbüsten der ehemaligen Bewohner aufbewahrt. Die skurrile Situation mutet wie eine unfreiwillige Parodie auf das kunstsinnige Ambiente der Stiftervilla an und verweist gleichzeitig auf einen kulturpolitischen Skandal, der sich 1986 um die von Arno Breker angefertigten Porträts entzündete.

Annette Kelm, Vitrine zur Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2013
Annette Kelm. Ludwig Stiftung Aachen, Basement 2018, 2018

 Zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland

In der Serie »Vitrine zur Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland« von 2013 befasst sich Annette Kelm mit der Frage, wie Wirklichkeitsentwürfe und Geschichte durch Bilder modelliert und transportiert werden. Bei ihren Recherchen in verschiedenen deutschen Museen fand sie weitgehend identische Settings zum Thema vor, die die historische Entwicklung der Frauenbewegung auf wenige plakative Objekte wie eine rosafarbene Latzhose reduzieren:

»Meine Arbeiten verweisen auf die Konstruiertheit solcher Präsentationen, die viel darüber verraten, wie Geschichte geschrieben wird.«

Annette Kelm, Apples, 2018
Annette Kelm, Apples, 2018

Künstlerworkshops

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